Für erwachsene Menschen ist es hoch an der Zeit, sich von dem ganzen alten Zeug zu befreien. Obwohl das alles dazugehört, was ich im vorigen Kapitel über das Loslassen geschrieben habe, spreche ich in diesem Kapitel nicht einmal davon. Nein, ich spreche hier von alten Zugängen und alten Rezepten, die wohl auf alten Einstellungen beruhen, aber längst zu Automatismen geworden sind. Und Automatismen sind dem Menschen nicht bewusst, auch dem erleuchteten nicht.
Der Klassiker ist wohl das reflexartige Tätigwerden bei scheinbaren Problemen. Der noch nicht erwachsene Mensch glaubt, er müsse etwas tun, wenn ein „Problem“ am Horizont auftaucht. Seien es Anwälte, Behörden, Geld, Gesundheit … was auch immer. Reflexartig, unbewusst. Er kommt nicht auf die Idee, tief durchzuatmen und bewusst das „Problem“ seiner Göttlichkeit zu übergeben, und somit nicht selbst tätig zu werden.
Das ist ein großer Sprung, ein Quantensprung. Das ist es, woraus der Unterschied zwischen menschlich und göttlich besteht.
Dasselbe gilt, wenn jemand oder etwas tierisch nervt. Das passiert einem Menschen, der unter anderen Menschen lebt. Aber das allein ist noch nicht ungöttlich. Das reflexartige Tätigwerden besteht darin, sich heftig darüber aufzuregen und eventuell gegen das Nervende vorzugehen, etwa durch Anschreien oder Zurechtweisen. Der erwachsene Mensch bemerkt, was da gerade in ihm vorgeht, atmet tief durch und wählt eine angemessene Antwort auf dieses Nerven. Er folgt nicht einem unbewussten Automatismus. Er weiß, dass Tätigwerden der falsche Zugang ist und immer in eine Sackgasse führt, die der Dualität entspringt, nicht des Integriertseins.
Diese zwei Beispiele sollten ein Gespür für das reflexartige Tätigwerden der Nicht-Erwachsenen geben, auf dass sie sich dessen bewusst werden. Und sie sind natürlich nicht die einzigen Beispiele für alte Zugänge und Rezepte. Hier ein paar weitere.
Sehr beliebt ist Solidarität, sie wird mitunter recht heftig getrommelt. Ja, mit wem sollte ein erleuchteter Mensch solidarisch sein? Mit irgendwelchen Menschen, die nicht den Hauch einer Ahnung haben, wer sie wirklich sind, daher nichts verstehen und nur Blödsinn machen? Der erleuchtete Mensch ist souverän, schlimmstenfalls geht er gerade in seine Souveränität, da kann er wirklich niemand brauchen, mit dem er solidarisch sein sollte. Er kann bestenfalls jemand gebrauchen, der das schon kennt, wo er selbst gerade durchgeht und ihn unterstützen kann.
Aus welchem Grund sollte jemand solidarisch sein? Mit allen Frauen? Mit allen Männern? Mit allen Transsexuellen? Mit der Familie, die ja in Wahrheit doch nicht die eigene ist? Mit Lebenspartnern, die den Menschen in der Regel bremsen?
Eine Ausnahme fällt mir ein, und das mit Einschränkung. Das sind die eigenen Kinder, vor allem, wenn sie noch klein sind. Aber auch bei ihnen sollte mit fortschreitendem Alter die Vernunft die Solidarität ablösen.
Eine zweite Ausnahme fällt mir auch ein, die ich aber nicht aus eigener Erfahrung kenne, sondern wo ich auf Wissen Dritter zurückgreife, und das sind Zwillinge. Es scheint oft so, als ob sie gar keine andere Wahl hätten, als solidarisch zu sein, als ob das quasi biologisch vorgegeben wäre. Die Zwillinge, die ich persönlich kenne, kenne ich zu wenig gut, um etwas Brauchbares darüber sagen zu können.
Besonders in der Corona-Zeit hörte man sehr oft; „Wir müssen jetzt zusammenhalten.“. Eine stark ausgeprägte Form der Solidarität. Ja, mit wem sollte man denn da zusammenhalten? Mit der Regierung, die uns das alles eingebrockt hat? Mit allen anderen Unterdrückten, von denen ich sonst nichts wissen will? Beides wohl eher nicht. Es läuft auf die Einstellung hinaus, dass alle Opfer sind und Opfer zusammenhalten müssten. Und wer Bewusstsein sieht, weiß, was dieser Satz „Wir müssen jetzt zusammenhalten“ wirklich bedeutet. Er bedeutet: „Es ist jetzt besonders wichtig, dass alle das tun, was ich sage.“ Das bedeutet also Solidarität letztlich. Doch alle Menschen haben einen Verstand, über den sie manipulierbar sind, auch erleuchtete. Wobei Erleuchtete nicht mehr manipulierbar sein sollten. Ebenso wissen Erleuchtete in der Regel, dass alle Menschen Bewusstsein sehen. Sie trauen bloß ihrer eigenen Wahrnehmung nicht, das haben sie so gelernt. Und das gehört natürlich zu dem alten Zeug, das endlich weg muss.
Ein erwachsener Mensch ist nie wieder solidarisch. Er begegnet anderen Menschen, die einander bereichern. Wenn sie das nicht tun, hat er nichts weiter oder nichts Besonderes mit ihnen zu tun.
Ein weiteres altes Rezept ist Widerstand. Der passiert genauso automatisch und unbewusst wie die anderen Dinge, die ich bisher genannt habe. Ein gutes Beispiel ist das Nerven, das ich weiter oben erwähnt habe. Jemand oder etwas nervt, und schwupp, schon ist der Mensch im Widerstand. Jede Situation, die ein Mensch erlebt und ihm missfällt, erzeugt menschlichen Widerstand. Sofort und unbewusst. In aller Regel folgt dem Widerstand ein entsprechendes Tätigwerden, sonst wäre der Widerstand ja nicht schlimm. Ich bemerke ihn, atme durch und wähle einen angemessenen Umgang damit. Aber wenn der Mensch einmal tätig wird, ist der Schaden angerichtet, weil das Tätigwerden unbewusst erfolgt und auf alte Rezepte zurückgreift..
Widerstand geschieht oft, ist aber der klassische Ausdruck der Dualität. So etwas hat im integrierten Leben eines spirituell erwachsenen Menschen nichts verloren.
Der bei weitem nicht letzte Punkt der Liste der alten Zugänge und Rezepte ist ein sehr wichtiger und weit verbreiteter: die Einheit. Da sind die wirklich zahlreichen Nondualisten, die glauben, dass alles eins ist. Das sind alle, die physisch oder spirituell aus Indien kommen, deshalb sind das wirklich sehr viele Menschen, deshalb erwähne ich sie. Aber sie werden alle nicht erleuchtet, insofern brauche ich an dieser Stelle nicht näher auf sie eingehen.
Ich spreche hier hauptsächlich von anderen, die auch auf die eine oder andere Art an die Einheit mit anderen glauben. Oft habe ich Frauen kennengelernt, die über ein sensationelles Bewusstsein verfügen (korrekter: die ein sensationelles Bewusstsein sind), bei denen sich aber herausstellt, dass sie nur einen Mann zum Liebhaben suchen, für den sie dann alles tun und den sie immer vor sich selbst stellen. Sie glauben dann, sie würden eine Einheit mit diesem Mann bilden. Grauslich!
Ich kenne natürlich auch andere Frauen, und sicher gibt es auch Männer, die dasselbe glauben, ich habe bloß keinen kennengelernt. Sowohl die eine als auch die andere Art von Einheit ist höchst ungesund. Sie widerstreben der natürlichen Entwicklung des Erwachens. Kein/e Einzelgänger/in kommt auf so abwegige Ideen, Einzelgänger gehen immer nur zu sich selbst und entdecken dasselbe wie ich.
Ich sage es hier ein für allemal klipp und klar: Du bist mit nichts und niemand eins. Du bist ein individuelles Bewusstsein, eine individuelle Seele, das/die so einzigartig ist, dass es /sie mit nichts vergleichbar ist. Die Große Einheit gibt es in dir drin. Sie umfasst alle Anteile (Aspekte), die du jemals von dir selbst erschaffen hast. Das ist der Diamant mit tausenden Facetten.
Jedes Gefasel von Einheit gehört endlich und endgültig auf die Müllhalde des alten Zeugs. Erwachsene Menschen haben mit Einheit nichts am Hut und werden nie etwas damit am Hut haben. Sie sind nicht so weit gegangen und haben tausende Hürden überwunden, um dann im Einheitsbrei zu versinken.
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