Der Zauberbaum

Vor drei Tagen wandte sich eine Frau wegen einer Frantwort an mich. Sie klang einigermaßen verzweifelt. Ich hatte meinerseits noch Fragen an sie, und dabei entdeckte ich einen besonderen Punkt bei ihr, den ich adressierte. Das brachte bei ihr so einiges in Bewegung. Vorgestern schrieb ich im Anschluss an unsere E-Mails meine Antwort, gestern schickte ich sie ihr. Noch bevor sie die Antwort erhielt, war sie schon recht anders. Deutlich ruhiger und gelassener. Meine Antwort verstärkte das noch.

Und heute überraschte sie mich mit ihrer Kreativität. Sie hatte eine Geschichte geschrieben, die ihr spontan eingefallen war. Sie berührte mich sehr. Ich fragte sie gleich, ob ich sie veröffentlichen dürfte, sie stimmte zu.

Die Frau heißt Stefanie Bräunig, schreibt, malt, musiziert und ist in den letzten Tagen zum Schmetterling mutiert. (Damit ist sie schon die zweite Stefanie innerhalb einer Woche mit denselben Attributen.)


Der Zauberbaum

von Stefanie Bräunig

Die kleine Raupe Juli hatte es satt. Sie hatte jetzt schon mehrere Leben damit verbracht, ganz viel zu fressen und immer wieder gefressen zu werden.

„Aber jetzt ist Schluss damit“, sagte Juli zu sich. „In diesem Leben will ich so werden wie meine Freundin Lea: ein Schmetterling!“ Die Frage war nur: wie konnte sie das anstellen? Es gab doch so viele Gefahren auf dieser Welt.

Die Vögel zum Beispiel. Sie hatten so einen großen Hunger und mussten auch noch ihren schreienden Nachwuchs großziehen.

Sie überlegte und überlegte. Lea hatte ihr schon einmal von einem ganz wundervollen Garten erzählt. Da sei es bunt und sonnig, und der Garten sei voller anderer Tiere. Und der Mann, der in dem Haus wohnt, welches auch so schön bunt ist, soll sehr nett und tierlieb sein. Diesen Garten suchte sie sich also aus.

„Was für ein wunderschöner Garten“ rief sie, während sie mitten in einem Blumenbeet landete und das Licht der Welt erblickte.

Aber irgendwie hörte ihr niemand zu. Die Bienen waren fleißig in ihre Arbeit mit den Streuobstwiesen vertieft. Schmetterlinge flogen auf einer wilden Wiese ihre Kunststücke, und auf den Sonnenblumen summte es nur so vor lauter dicken, wuscheligen Hummeln.

Dann gab es noch ein Beet mit ganz viel Gemüse. Da war auch der Besitzer des Gartens beschäftigt. Er redete mit den Pflanzen und den vielen Käfern, die über die Erde krabbelten. Plötzlich entdeckte er Juli und hob sie vorsichtig von der Erde hoch und sagte zu ihr: „Willkommen in meinem Garten. Für dich habe ich einen ganz besonderen Platz.“ Und er setzte sie sanft und vorsichtig auf einem ganz besonderen Baum ab. Er nannte ihn den Baum der Metamorphose. Juli stellte sich der Baum allerdings mit einem tiefen Brummen als „Zauberbaum“ vor. An diesem besonderen Baum durften die Raupen leben. Sonst mochte der Mann die Raupen in seinem Garten eigentlich nicht so gern, denn sie fraßen immer die ganzen Blätter von den wundervollen Sträuchern auf. Diesen speziellen Baum hatte er ausgewählt, um hier den Raupen die Möglichkeit zu geben, sich in Ruhe von der Raupe zum Schmetterling zu verwandeln. Er hatte große Netze über den Baum geworfen. Dadurch waren die Raupen in Sicherheit und konnten nicht von den Vögeln gefressen worden. Er achtete darauf, dass die Raupen genug zu fressen hatten und sich in Ruhe ihrem „Winterschlaf“ hingeben konnten, wie er immer die Zeit der Verwandlung nannte.

Juli war also in ihrem neuen Leben angekommen. Wie aufregend. Und wie wunderschön es hier ist. Und hier herrscht so eine schöne Wärme und Ruhe!

Von der ganzen Aufregung wurde ihr ganz schwummrig, und sie bemerkte erst jetzt ihren riesengroßen Hunger. Nachdem sie ein großes, saftiges Blatt frischen Grüns vertilgt hatte, entschied sie sich, hier noch einige Tage zu verbringen.

Erst dann wollte sie hier ihren „Winterschlaf“ verbringen. Lea sagte dazu immer „Freiheitsschlaf“. Der Mann hatte an alles gedacht: Überall im Baum verteilt hingen kleine Jutesäckchen, in denen sich die Raupen zurückziehen konnten, um in Ruhe zum Schmetterling heranzuwachsen.

Einigen Raupen wollten aber weiter als Raupe leben. Sie krabbelten so gerne und hatten ein bisschen Angst vor der großen, weiten Welt. „Hast du keine Angst, diesen geschützten Baum zu verlassen“, fragte eine besonders dicke Raupe. „Nein“, sagte Juli. „Ich freue mich darauf, den ganzen Garten an einem Tag erkunden zu können. Als Raupe brauche ich da ein ganzes Leben zu!“ Und die dicke Raupe namens Rabbit staunte nicht schlecht über ihren Mut. „Nene“, sagte Rabbit. „Weißt du was?! Ich fresse hier noch ein bisschen weiter und warte darauf, bis du dich zum Schmetterling verwandelt hast“. Und weil Juli die dicke Raupe so sympathisch fand, wurden sie Freunde. Am nächsten Tag fasste Juli all ihren Mut zusammen und krabbelte in einen der kleinen Jutesäcke. „Ganz schön eng“, maulte Juli. „Aber das muss wohl so sein…“ Sie verabschiedete sich von Rabbit und dieser versprach, auf sie aufzupassen, während sie ihren Zauberschlaf hielt. Die Tage vergingen. Es regnete, stürmte, die Sonne schien….und nach einigen Tagen – oder waren es gar Wochen? – erwachte Juli aus ihrem Schlaf. Sie erschrak und rief um Hilfe. „Ich bin hier eingesperrt. Hilft mir denn niemand?“. Rabbit, der das schon bei anderen Schmetterlingen erlebt hatte, reichte ihr vorsichtig die Hand und erzählte, was Juli sich vorgenommen hatte. „Juli, du willst frei sein. Und fliegen können. Und die Welt aus einer anderen Perspektive sehen und …..“ Juli nahm die Hand entgegen und sagte: „Nun lass mich doch erst mal ankommen und brabbel nicht so viel. Da schwirrt mir ja schon der Kopf von.“ Sie reckte und streckte sich, und plötzlich schoss ein Fühler aus dem Jutesack. Dann noch einer. Sie waren ganz weich und ließen sich in alle Richtungen biegen.

„Cool“, sagte Juli. Und dann zog der dicke Rabbit ganz fest an ihr und sie fiel aus dem Sack. Flügel, wunderschöne Flügel öffneten sich. Jetzt konnte Juli sich aber nicht mehr zurückhalten. Sie war sooo aufgeregt. „Wow, hätte ich das eher gewusst, dann hätte ich mich schon viel früher von diesem Leben als Raupe verabschiedet.“ Sie schlug ein paar Mal mit den Flügeln und plötzlich, bei der nächsten leichten Windböe, hob sie ab. „Fantastisch!“ Und sie weinte einige Tränen, weil sich dieses Leben schon jetzt so frei anfühlte. So großartig. Als würden ganz andere Abenteuer auf sie warten. Ihre Freundin Lea erwartete sie bereits. Sie hob das Netz an, und dann flogen sie ein bisschen nebeneinander her. Juli schrie noch aus der Ferne zu Rabbit „Das musst du auch machen.“ Uiiii, und vor lauter Freude machte sie einen Looping. Lea zeigte ihr noch ein besonderes Fleckchen in diesem Garten, und so verbrachten sie plaudernd und lachend einige gemeinsame Stunden. Lea erzählte ihr auch einige Geschichten aus ihrem Leben. Von Freiheit, „nach-Hause-kommen“, Liebe zu sich selbst und vielen anderen Dingen, die sich alle wundervoll anfühlten. „Ich bin frei“ lächelte Juli selig und zwinkerte ihrer Freundin Lea zu. Sie drehte noch eine Runde um den Baum und rief nach Rabbit. Der antwortete aber nicht. Sie sah gerade noch, wie er es sich in einem großen Jutesack gemütlich machte, ein grünes Blatt zog er noch mit hinein, winkte und rief: „Warte auf mich. Ich möchte auch so frei sein wie du!“

Drei Wochen später erkundeten die drei kunterbunten, so unterschiedlichen Schmetterlinge, gemeinsam ihre Umgebung.

Rabbit erkannte erst jetzt, dass sich hier Garten an Garten reihte.

„Wow, wo sind wir denn gelandet?“ Lea und Juli lächelten sich an und riefen „Das ist der Himmel auf Erden.“

 

17. 11. 20

 

Lieber Reiner, diese Geschichte widme ich dir!!!

Liebe Grüße

Steffi


Vielen, vielen Dank, liebe Steffi!

Hinweis: Das Copyright für diese Geschickte hat Stefanie Bräunig inne. Die Veröffentlichung durch mich auf meiner Website erfolgte mit Steffis freundlicher Genehmigung.

Kommentare

Liebe Steffi,
da ist sie - deine 1. Veröffentlichung!! Ich freue mich so sehr über deinen Mut und deine Tapferkeit. Von ganzem Herzen gratuliere ich dir dazu, du Held deines Lebens :)). Ich bin so gerührt. Danke fürs Teilen... !
Herzlichst Pedi

PS. Lieber Reiner, vielleicht magst du meinen Kommentar auf deiner Seite unter Steffis Geschichte setzen? Von Herzen Petra :))

Liebe Petra, danke für deine liebevollen Worte! Du hast mich begleitet auf meinem Weg in diese Freiheit. Du trägst dazu bei, dass ich die Heldin meines Lebens sein kann und dass meine Kreativität aus ihrem Winteschlaf erwacht ist.
Und ich danke dir, lieber Rainer, dass du mir gezeigt hast auf WELCHEM Weg ich überhaupt bin. Dass ich mir dieses Leben ausgesucht habe um von der Raupe zum Schmetterling zu mutieren. Ohne dieses Wissen ist es schwer irgendwo anzukommen. Die Suche, diese jahrzehntelange Suche, hat nun endlich ein Ende. Wie oft habe ich am Abgrund gestanden und wie oft war ich so verzweifelt, dass ich dieses Leben beenden wollte. Danke für deine Begleitung liebe Petra und danke für deine alles entscheidenden Hinweise, lieber Reiner. Ohne dich hätte ich sicherlich noch weitere Kämpfe geführt. D.A.N.K.E.!

Bedanke dich bei dir selbst, liebe Steffi. Die Heldin bist du. smiley

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Viele Menschen wünschen sich eine Begleitung auf ihrem Pfad der Erleuchtung. Wenn sie sich fühlen wie im Dschungel und ihren Weg nicht finden, oder wie mitten auf einem Gebirgshang und glauben, nicht weiter zu kommen oder abzustürzen. Oder wenn sie die dunkle Nacht der Seele erfahren und kein Licht sehen.

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Der letzte Schritt

Der Übergang in die Neue Energie, in dein neues Leben, dieser Transformationsprozess vom normalen Menschen zum neuen, bewussten und göttlichen Menschen, die Transformation von der Raupe zum Schmetterling war für dich zermürbend ohne Ende. Und er ist es noch immer.

Kapitel: 
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Das alte, „normale“ Leben hatte viele Aspekte, die sich in ihrem Kern auf sehr wenige reduzierten. Letztlich ging es immer um Facetten des Überlebens, die alle auf demselben Muster basierten. Das neue, wirkliche Leben zeigt sich in vielen Aspekten, denen die alten Muster fehlen. Spiel (neu) versus Kampf (alt), Kreativität versus Konsum, groß denken versus klein denken, Einfachheit versus Kompliziertheit usw.

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Reiners Blog

In letzter Zeit dachte ich öfter an eine bestimmte Art von Schreibtischsessel. Es sind alte Sessel, wie man sie früher an großen Schreibtischen hatte. Sie haben eine relativ große Sitzfläche, sind aus Holz, in der Regel nicht gepolstert, und ihre Rücken- und Armlehnen gehen ineinander über. Sie bilden zusammen einen bei den Armen verlängerten Halbkreis, wobei der Rückenteil oft geringfügig höher ist als der Armteil. Das macht in Summe dennoch eine relativ niedrige Rückenlehne und relativ hohe Armlehnen. Diese Sessel sind sehr gemütlich.