Heute erzähle ich eine Geschichte, die schon vor vielen, vielen Jahren passiert ist, und von der mir vor wenigen eingefallen ist, dass sie wichtig ist und in den letzten paar Wochen eine Rolle bei Klienten gespielt hat, eine zentrale Rolle sogar. Ich hole jetzt wirklich aus und beginne mit einer kurzen Vorgeschichte zur Geschichte. Ich begebe mich in das Jahr 2006.
Im Mai 2006 habe ich meinen letzten Job gekündigt. An einem Feiertag, die im Mai häufig sind, hatte ich Zeit zum Nachdenken. Ich fasste all meinen Mut zusammen und beschloss: morgen kündige ich, gleich in der Früh. Klar war für mich auch, dass ich keinen neuen Job suchen wollte. „Auszeit“ war meine Devise. Überrascht hatte mich, dass mir mein Chef sofort eine kleine Abfertigung zusicherte. (Gibt es ja nicht, wenn man selbst kündigt.) Ebenso überrascht hatte mich, dass ich nicht sofort dienstfrei gestellt wurde, wie das bei Positionen wie meiner üblich war. Da ist normalerweise die Angst des Dienstgebers zu groß, ich könnte etwas zerstören. Kaum jemand, wenn überhaupt, hatte so viele Berechtigungen auf so vielen Servern in Österreich, Deutschland und bei der Konzernzentrale in Schweden. Ich aber musste bleiben und bis zum Ende der Kündigungsfrist Ende August meine Schuldigkeit abdienen.
Danach wollten alle Vorstände dringend mit mir reden. Meine Mitarbeiter fielen aus allen Wolken. Neue Jobangebote trudelten wenige Tage nach meiner Kündigung ein. Das hatte sich wirklich schnell herumgesprochen. Ich muss auch dazu sagen, dass ich wirklich gut verdiente, aber trotzdem kaum Rücklagen hatte, weil ich zum einen mein Geld immer ausgegeben und in früheren Jahren Schulden gemacht hatte. Dennoch brauchte ich mir um meine nächste Zukunft keine Sorgen. Ich hatte kurz nachgerechnet und festgestellt, dass ich zumindest sechs Monate auskommen würde, ohne auf meinen gewohnten Lebensstandard zu verzichten.
Das war die Vorgeschichte, nun folgt die Geschichte. Sofort nach Beendigung der Arbeit, nach mehreren Tagen des Feierns, begann am 1. September 2006 mein bewusstes Erwachen. Unbewusst bin ich die drei Jahre davor schon stark in diese Richtung gegangen, hatte aber noch immer ein streng materialistisches Weltbild. Leben vor und nach diesem einen waren für mich Unsinn. Das änderte sich schnell fast ab Tag eins meines bewussten Erwachens Anfang September 2006. Die Phase 1 des Erwachens hatte ich in den Jahren zuvor schon durchlaufen, besonders im Jahr 2006. Ich sagte damals gerne: „Ich habe keine Lust mehr, so zu leben wie bisher, ich werde Friedhofsgärtner oder so ähnlich.“
Also habe ich Anfang September 2006 gleich mit der Phase 2 begonnen, mit allem, was für diese Phase typisch ist. Ich habe Chakra-Yoga gemacht, viele Kristalle gekauft und Weihrauch und Räucherstäbchen, ein Pendel, Klangschalen und lauter so Zeug. Aber darum geht es heute nicht. Es geht um die Zeit, die ich ziemlich genau, nein, ganz genau, ab September 2006 bis Ende Februar 2007 gelebt habe, darum, wie ich diese Zeit verbracht habe. Sie sollte sich als die bis heute wertvollste Zeit in meinem ganzen spirituellen Leben herausstellen.
Ich bin von Anfang an viel spazieren gegangen, jeden Tag.Von meiner damaligen Wohnung war es in mehrere Richtungen nicht weit zu Parks und Wäldern. Ich musste zwar ein Stück bis zum nächsten netten Wald gehen, aber das störte mich nicht, ich ging gern. Solange ich in bebauten und besiedelten Gebieten war, führte ich Selbstgespräche über die Phase 1 des Erwachens, die ich damals natürlich noch nicht so genannt habe. Ich vertiefte einfach meine Gedanken und Einstellungen zur Welt, wie ich sie kannte und nicht mehr mochte. Sobald ich im Wald war, änderten sich meine Gedanken und Selbstgespräche. Zum Teil wich das Reden überhaupt, und ich ließ die Eindrücke der Natur auf mich wirken.
Der Freundeskreis aus der ehemaligen Firma reduzierte sich hauptsächlich auf die paar Leute, mit denen ich über Spirituelles reden konnte, das hatte ja damals schon angefangen. Außerdem erwachte im letzten Quartal 2003 mein reges Interesse an Feng Shui, wodurch ich auch schon Kunden aus der Firma gewonnen hatte. Aus den Anfängen der Phase 2 hatte ich schon eine Menge neue Kenntnisse. Also hatte ich bei den paar Leuten aus der ehemaligen Firma schon eine Menge neuen Gesprächsstoff.
Bei den alten Bekannten aus dem privaten Kreis, soweit es sie noch gab, gab es diesen Gesprächsstoff nicht. Wir plauderten halt über dieses und jenes und tranken was zusammen. Doch schon bald tauchte da in dem Lokal in meiner Nähe eine neue Kellnerin auf, mit der ich über etliche Jahre über Spirituelles reden sollte.
Meine ausgedehnten Spaziergänge änderten sich, ich entdeckte die Donauinsel für mich. Ich kannte sie natürlich seit ewigen Zeiten, aber nun entdeckte ich meine Donauinsel. Für die Leser, die Wien nicht kennen, hier eine kurze Beschreibung. Wien ist vom Umriss her ziemlich rund mit ca- 22 km Durchmesser. Demgemäß ist die Donauinsel über 20 km lang. Die Donau ist nach der russischen Wolga der zweitgrößte Fluss Europas, weit größer als Rhein, Po, etc. Eine Freundin, die mich in Wien besucht und zu ersten Mal die Donau gesehen hatte, sagte erstaunt: „Das ist ja wie das Meer!“ Sie wohnte damals am Meer. Was ich sagen will, die Donau ist schon ein breiter Fluss. Und tief.
Jahrhunderte, ja, Jahrtausende lang gab es in Wien große Hochwasserprobleme. Also hat man schon vor über 500 Jahren ernsthaft versucht, dem Herr zu werden. Der letzte Schritt war, im vorigen Jahrhundert eine neue Donau neben der bestehenden zu bauen und Staustufen zur Wasserregulierung zu errichten. So gibt es jetzt eine Donau, eine neue Donau und eine lange Insel dazwischen. Diese Insel ist zwar nicht sehr breit, aber es gibt sogar kleine Wälder dazwischen, die zum Teil ziemlich alt sind. Hochwasser gibt es in Wien nicht mehr.
Das alles entdeckte ich ab ca. Oktober 2006 für mich. Es war echtes Neuland für mich, und ich war echt erstaunt. Ich war täglich auf der Donauinsel und ging zwischen ein und zwei Stunden spazieren. Auch zu Weihnachten, Silvester und Neujahr. (Dad ist besonders spannend, weil es ganz still ist.)
Ich bin also vom ersten September 2006 bis zum letzten Februar 2007, ein ganzes halbes Jahr lang, jeden Tag spazieren gegangen. Ausgedehnt. Zuerst in den Wäldern meiner Wohnumgebung und dann auf der Donauinsel. Das wirklich Bemerkenswerte daran ist, ich wollte dabei nichts. Ich wollte nichts erreichen und nichts erforschen. Ich wollte nicht dahinterkommen, was ich denn jetzt im Leben machen will, was ich mit meinem Leben machen will, was mich interessiert, welche Leidenschaften ich hatte, nichts. Absolut nichts. Und genau das machte diese Zeit so kostbar, wertvoll und fruchtbar. Ich wollte nichts außer spazieren gehen und Eindrücke sammeln.
Mir ist das vor ein paar Tagen eingefallen, weil es kürzlich rund um mich ein paar Leute gegeben hat und vermutlich immer noch gibt, die danach suchen, was sie denn tun wollen, wie sie sich betätigen wollen. Ich wollte das damals keinesfalls.
Ich bin damals herum spaziert und habe schon auch gedacht. An Feng Shui zB, und an alle die Sachen, die ich aus meinen neuen Büchern und von meinen neuen Freunden gelernt hatte. Die Spiritualität der Phasen 1 und 2 geht ja fast ausschließlich über den Kopf. Ich habe in jener Zeit keine Sekunde daran gedacht, ob ich in den genannten Bereichen tätig werden will.
Eine andere Sache war da auch immer wieder, wenn ich auf der Donauinsel Richtung Norden spazierte. Da liegt nämlich das Schulschiff. (Es ist der Schifffahrt nicht im Weg, die Donau ist sehr breit.) Das Schulschiff ist recht groß und bei Lehrern beliebt, viele Lehrer wollen dort arbeiten. Ich glaube, es ist ein Gymnasium. Also Schule im Sinne von schwimmende Schule. Es ist ein Schiff, das als Gymnasium genutzt wird.
Das hat natürlich was. Ich habe Schule immer geliebt, früher als Schüler, später Lehrer. Und ich hatte natürlich die Befähigung, als Lehrer zu unterrichten. Also habe ich beim Vorbeigehen daran gedacht, was ich denn im Fall des Falles gerne unterrichten würde. Aber natürlich nicht ernsthaft, das hätte ja eine regelmäßige Arbeitszeit bedeutet, die ich nicht wollte. Außerdem liebte ich Schule, aber nicht das Schulsystem. (Was mich mit so ziemlich allen Lehrern vereint.) Meine Gedanken blieben also Luftschlösser, doch reizende Luftschlösser.
Ich habe in jenem halben Jahr schon auch gedacht, wollte aber nichts von dem tun, was ich gedacht habe. Ich war im wahrsten Sinn des Wortes wunschlos glücklich. Ich erinnere mich heute noch gut daran, dass es mich auch damals schon gewundert hat, dass ich so gar nichts wollte, nichts anstrebte und keine Pläne hatte. Das war nämlich mein typisches Verhalten vor meiner Kündigung. Und ich habe es genossen wie nur was.
Als sich der Februar seinem Ende näherte, hätte ich an Geld denken müssen, weil meine Rücklagen aufgebraucht waren, habe ich aber nicht. Es war sogar das genaue Gegenteil der Fall.
Ich bekam wieder einmal ein Jobangebot. Und was für eines! Die Raiffeisen Leasing International, eine Tochter der Raiffeisen International, verleast keine Autos, sondern Hochseeschiffe. Für ihre Niederlassung in der Ukraine suchte sie dringend einen Projektleiter. Das ist zwar ein bisschen langweilig für mich, denn große, internationale Projekte leiten konnte ich aus dem FF, aber die Bezahlung wäre mehr als interessant gewesen. Der Geschäftsführer in der Ukraine rief mich an, und wir plauderten ein wenig. Das war kein Vorstellungsgespräch. Er fragte mich nur, wie viel ich verlangte, und das war’s. Damit war die Sache fix. Geld spielte keine Rolle. Ich wäre für die nächsten zwei Jahre so was von finanziell saniert gewesen, dass ich auf lange Sicht keine Geldsorgen mehr gehabt hätte. Die Sprache wäre auch kein Problem gewesen, da international ohnehin Englisch gesprochen wird, was ich sehr gut kann.
Das war in den letzten Februartagen. Am Abend sah ich im Fernsehen eine Doku über Christina Stürmer. Noch bevor sie erfolgreich war, war klar für sie, dass sie in ihrem ganzen Leben nichts anderes als Musik machen wollte und würde. Das alles war sehr authentisch und erfüllt von hellster Begeisterung, sodass es mich förmlich mitgerissen hat. Am späten Abend rief ich eine Freundin an, mit der ich in jener Zeit öfter Kontakt hatte, und bat sie um ein Treffen und ein Gespräch. Ich schilderte den Fall, wobei sich bei mir immer mehr die Leidenschaft für Feng Shui herauskristallisierte. Sie fragte mich: „Wieso fragst du mich, wenn du deine Entscheidung ohnehin schon getroffen hast?“ Das war die richtige Antwort! Am nächsten Tag sagte ich das viele Geld per E-Mail ab und bereitete mich innerlich auf meine Tätigkeit als Feng-Shui-Berater vor. Ein Monat später hielt ich mein erstes Feng Shui Seminar und erhielt auch gleich meinen ersten Beratungsauftrag.
Ein halbes Jahr lang habe ich mich durch nichts drängen lassen, hatte keinerlei Bedürfnis, meinen Weg oder meine Leidenschaft zu finden. Nach genau einem halben Jahr wurden alle Fragen, die ich nicht gestellt hatte, beantwortet, und mein Weg breitete sich vor mir aus.
Diese Geschichte ist für alle Leser, die an diesem Punkt des Fragens und Suchens stehen, und für alle, die sich angesprochen fühlen. Für mich war dieses halbe Jahr 2006/2007 das beste halbe Jahr meines Lebens. Als ich dann später wieder begann, etwas zu wollen, war es deutlich nicht so gut.
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